Wir werden erwartet von Ulla Hahn, 2017, DVAWir werden erwartet.
Roman von Ulla Hahn (2017, DVA).
Besprechung
von Jens Dirksen aus der NRZ vom 26.08.2017:

Träumerin mit rheinischer Bodenhaftung
"Wir werden erwartet": Ulla Hahn beendet die große Selbsterzählung

„Lommer jonn“, lass uns gehen: Damit beginnt auch der vierte und letzte Band jener Romanfolge um das Auf-, das Erwachsen der Hilla Palm aus Dondorf am Rhein, in der sich so vieles spiegelt aus dem Leben der Ulla Hahn aus Monheim am Rhein. Dass dieser vierte Band „Wir werden erwartet“ mit dem großväterlichen „Lommer jonn“ auch enden wird, ist nicht zu viel verraten. Denn das Leben der Hilla Palm wird weitergehen, auch wenn die Leser nach diesen vier Bänden zurückbleiben mit einem imposant breiten Panorama der bundesdeutschern Nachkriegsgeschichte bis zur Mitte der 70er-Jahre.

Dass der Abschlussband am kommenden Montag erscheint, wenn der unsterblichste unter den deutschen Dichtern seinen 268. Geburtstag feiern kann, mag Zufall sein oder die Koketterie einer promovierten Literarhistorikerin. Von Goethe stammt aber auch das geflügelte Wort, das einem bei der Lektüre dieser 2426 Seiten hier und da in den Sinn kommt, wonach getretener Quark breit wird und nicht stark. Ob die gelegentlichen Wiederholungsschleifen und üppigen Ausmalungen nun zu einem gültigen Zeit-Panorama dazugehören? Ob es eine Art von Ausgleichssport ist für die sonst stets mit äußerster Verdichtung arbeitende Lyrikerin, als die Ulla Hahn nicht zuletzt durch die Lobgesänge eines Marcel Reich-Ranicki bekannt wurde?

Die überbordende Erzähllust nimmt jedenfalls auch dem vierten Band nicht das Verdienst, eine authentische Geschichte jener Generation zu erzählen, die man die ‘68er zu nennen pflegt. Mit all den Errungenschaften und Verirrungen, wie sie schon oft beschrieben wurden – aber vielleicht noch nie so vollständig, nie so verständnisvoll und doch kritisch erzählt.

Der dritte Band endete in etwa bei den Essener Songtagen, der vierte nun macht bei Woodstock weiter, verfolgt die Zersplitterung der politischen ‘68er in diverse K-Gruppen bis hin zur DKP und endet mit der großen Desillusionierung nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR 1976. Mehr als einmal reitet Hilla Palm darauf herum, dass sich viele dieser Linken auf den Schecks ihrer Väter ausruhen konnten vom anstrengenden Organisieren der Weltrevolution. Doch sie selbst, die durch einen Auto-Unfall schon als Studentin zur Witwe wird, mag auch als Kind eines ungelernten Arbeiters nicht abseits stehen.

Als 2001 „Das verborgene Wort“ erschien, der erste Band dieser Tetralogie, war das die Geschichte eines Kindes aus einfachsten Verhältnissen, das sich trotz vieler Hindernisse und Umwege unbeirrbar aufmacht in die Welt des Worts, der Bildung, der höheren Schule. Und das doch zu seinen Wurzeln, steht zu dem großen Erzähler, der sein Großvater war, wenn er so tat als lese er die Geschichten aus den Steinen am Rhein heraus.

Und nun, ‘69ff., gehört diese Hilla Palm zu den wenigen Linken, die wissen, wovon sie reden, wenn es um die Arbeiterklasse geht. Es hält sie nicht davon ab, den Traum einer Gesellschaft von Freien und Gleichen zu träumen – aber es erdet sie. Am Ende sind es die Kommunisten, die gegen Hitler gekämpft haben, die Folternarben auf ihren Körpern und ihr Festhalten an der von Stalin ad absurdum geführten Ideologie, die auch Hilla Palm noch hält in der DKP, wie zuletzt die „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss. Die historische Breite, die existenzielle Tiefe, die ästhetische Höhe dieses Jahrhundertromans erreichen Ulla Hahns eher konventionell erzählte ‘68er-Bücher mit ihren Bewusstseinsströmen am Rhein vielleicht nicht.

Aber es sind Geschichtengeschichtsbücher von einer, die am Ende weiß, wo sie hingehört: „Meine Gewissheiten hatte ich verloren, nicht aber meine Träume. Mein Platz im Leben würde sein, keinen Platz zu haben“ – außer am Schreibtisch, „wo ich mich täglich verwandeln kann, mich nicht festlegen muss.“ Und die Kunst? „Kunst“, weiß die einstige Kommunistin jetzt, „muss nicht nützlich sein, sondern unentbehrlich.“

Lommer jonn.

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