Keinland von Jana Hensel, 2017, WallsteinKeinland.
Roman von Jana Hensel (2017, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 25.08.2017:

Die Grenzen aller Liebe
Journalistin Jana Hensel debütiert „Keinland“

„Ein Liebesroman“, steht schlicht auf dem Cover; was ja nur geht, weil „Keinland“ so viel mehr ist. Denn die Journalistin Jana Hensel, 1976 nahe Leipzig geboren und mit ihrem DDR-Buch „Zonenkinder“ bekannt geworden, lässt in ihrem Debütroman die Liebe an Grenzen scheitern, welche die Geschichte einst gezogen hat.

Nadja, Mitte 30 und Journalistin in Berlin, stammt aus dem „falschen Land“ im Osten. Martin ist um die 50 und in Frankfurt aufgewachsen, seine Eltern sind Holocaust-Überlebende. Vor Jahren ist er ins „heilige Land“ geflohen. Nadja möchte für eine Reportage über das Leben in ummauerten Ländern ein Interview mit Martin führen, in Tel Aviv, doch am Telefon schreit Martin sie an, lacht sie aus, schleudert ihr seinen Schmerz entgegen und Nadja denkt: „Ich muss das aushalten, ich muss mir das anschauen, ich will lernen, das auszuhalten.“ Ab hier sind die Rollen klar verteilt: der Schmerzensmann und die Erduldende, Wartende, die ihre Retterinnenträume träumt. „Wir haben beide geglaubt, mit Liebe geht das“, heißt es: „Mit Liebe könne man dem beikommen, was gewesen ist. Dass meine Leute seine Leute in den Tod geschickt haben.“

Das Ende der Liebe ist der Beginn des Romans, der Rest ist Rückblick, Trauerschrift, Ursachenforschung. Das könnte furchtbar kitschig sein oder auch peinlich, die Überhöhung eines Liebesirrtums ins Historisch-Politische – ist es aber nicht. Das liegt am Tonfall, den Jana Hensel anschlägt: zart schwingend und alles Zarte zugleich hinterfragend. Auf der ersten Seite schon begegnen uns ein Rollkoffer und eine Twitter-Nachricht und der Abgleich des Erlebten mit den kulturellen Folien der Gegenwart: Als Martin geht, hat Nadja noch geschlafen, „so wie Menschen in Filmen auch oft schlafen, wenn jemand geht“. Jana Hensel weiß um das Abgenutzte aller Romantik, sie wählt die Symbole und Sätze mit Bedacht, legt ihrer Nadja eine Spur von Trotz in die Erzählstimme: „Ich wünsche mir nichts so sehr wie ein Kind, diesen Satz hat Martin gleich am ersten Abend zu mir gesagt. In diesen Satz bin ich eingezogen wie andere in ein Haus.“

Und vielleicht wäre das die Lösung gewesen für dieses ungleiche Paar, ein Leben im Land der Wörter statt hastige Treffen in Tel Aviv und Berlin, Jerusalem und München: „Meinland, Deinland, Keinland. Vielleicht unser Land.“ Wenn Jana Hensel von ihren Heimatlosen erzählt, dann reißt sie die Grenzen zwischen individuellem Liebeserleben und weltgeschichtlichen Verwerfungen so gekonnt ein, dass man gerne für einige Stunden in ihr triumphierendes Gedankenreich einziehen mag.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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